Neue Chefs braucht die Welt

Diktatur der Führungskräfte

§ 1. Der Chef hat immer Recht.
§ 2. Sollte der Chef einmal doch nicht Recht haben, tritt automatisch § 1 in Kraft.

Es gibt im Arbeitsleben eine Spezies Mensch, über die wohl jeder eine Unterhaltung führen könnte. Könnte. Denn in der Realität sieht die Welt anders aus, weil es sich hierbei um äußerst wichtige Mitarbeiter an der Arbeitsstelle handelt: die Chefs.
Über die spricht man aber nur zu Hause oder höchstens im Pausenraum mit vertrauten Kollegen und nur hinter vorgehaltener Hand. Alles andere kann fatale Konsequenzen nach sich ziehen, es sei denn man hat als abhängig Beschäftigter das Kreuz, am Hinterteil des Chefs vorbei zu kriechen und auch sonst keine Probleme bei der Jobsuche.

Wer sich das nicht leisten kann muss Strategien finden, wie er die vielen Stunden auf Arbeit einigermaßen über die Runden bringt. Im schlimmsten Fall überreicht man sich als Mitarbeiter selbst feierlich die innere Kündigung und lässt sich für die Anwesenheit am Arbeitsplatz bezahlen. Das aber bringt weder den Chef oder das Unternehmen und schon gar nicht einen selbst weiter.

Chefs von der Stange

Die Missachtung der Bedürfnisse der Mitarbeiter ist eine furchtbar schlechte Angewohnheit vieler Chefs, die sie sich, das liegt in der Natur von schlechten Angewohnheiten, nur schwer abgewöhnen können. Da geht es ihnen nicht anders als den meisten Menschen. Hinzu kommt, dass Führungspersönlichkeiten nicht nur fachliche Qualifikationen, sondern auch gewisse persönliche Präferenzen, wie bspw. das in Stellenanzeigen oft gewünschte Durchsetzungsvermögen mitbringen müssen. Sonst wären sie auch keine Chefs.
Allerdings ist es ein allgemein verbreiteter Trugschluss, dass sich das Vermögen sich auf Arbeit durchzusetzen, immer auch etwas mit Kompetenz zu tun hat. Wissen und Können sind die kleinsten Übungen auf dem Weg in die Chefetage. Eine dauerhafte Karriere, folglich das Erreichen und Verweilen an der Spitze, basiert vielmehr auf einem gnadenlos darwinistischen Konkurrenzkampf mit allen Mitteln, der vor allem eines ist: das Erbe der Industrialisierung.

Eben deshalb bedarf es auch eines Lanzenbruchs für die Spezies Chef, denn ihr Verhalten, also die Ausbeutung der humanen Ressourcen, hatte in den frühen Zeiten der Industrialisierung durchaus Sinn. Kapitalismus eben. Und natürlich kann man vortrefflich darüber streiten, ob der Weg seit der Erfindung von Dampf- und Spinnmaschine immer richtig und die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nicht doch ein gerüttelt Maß zu viel war. Ändern kann man es aber nicht.

„Handwerk hat goldenen Boden.“

Das alte „Handwerk“ der industriellen Leitungspioniere hat es bis ins dritte Jahrtausend geschafft und kaum jemand wird bestreiten, dass die fundamentale Auslegung, also der Raubtierkapitalismus, eine erneute Hochkonjunktur erlebt. Deshalb – und das ist kein Widerspruch – sollten sich die Arbeitnehmer zunächst einmal in Verständnis für ihre Chefs üben, auch wenn das nicht immer einfach ist. Die Einsicht, dass Chefs lediglich ausgetretenen Pfaden folgen, weil sie es gar nicht anders gelernt haben und weil sich genau das seit etwas mehr als anderthalb Jahrhunderten bewährt hat, hilft dabei ungemein. Am Ende haben Chefs einen gehörigen Anteil am gesellschaftlichen Wohlstand von heute. Ohne der dem Kapitalismus eigenen Dynamik und seiner Fähigkeit Leader der „alten Schule“ hervorzubringen, wären die westlichen Gesellschaften nicht da wo sie sind. Deshalb war es früher – beinahe – richtig so zu handeln. Aber was ist mit heute?

Heute erinnern wir uns an damals. An die Storys vom Großvater, der stolz über das Selbstverständnis der Chefs von einst erzählte, als der Meister in der Fabrik die Arbeiter durchaus mal mit einem physischen Tritt in den Allerwertesten zu höheren Leistungen anspornte. Das waren die Zeiten, als es so etwas wie Gewerkschaften, Arbeits- und Kündigungsschutz oder Kurzarbeit noch nicht oder nur rudimentär gab. Es war eine wilde Zeit, in der Chefs mit ihren Mitarbeitern machen konnten was sie wollten. Das ist zum Glück vorbei, besser geworden ist es keineswegs.
Heute fördern Chefs die Motivation der modernen Mitarbeiter anders. Die Drohung von Werksschließungen oder so menschenfeindlichen Aussagen wie von „den hundert Arbeitslosen die nur darauf warten Ihren Job zu machen“ und „Wann Sie überlastet sind, bestimme ich!“, pressen auch noch den allerletzten Saft aus dem Kostenfaktor Mitarbeiter. Eigentlich kein Wunder, wenn die Angestellten dann innerlich kündigen.

Chice Büros, saubere Werkshallen und gewerkschaftliche Errungenschaften sollten Arbeitnehmer keinesfalls darüber hinwegtäuschen, dass die grundlegenden Mechanismen bei der Erzielung von Gewinn durch die Arbeit anderer nach wie vor wirken.
„Ja“, werden jetzt wohl die meisten Chefs sagen, „das Leben ist kein Ponyhof und Arbeit nur selten ein Vergnügen.“ Damit haben sie natürlich Recht, nur, so lautet der fragende Widerspruch, muss das denn so sein?
Nein, das muss es nicht. Aber um die Tür zum Ausweg zu finden, braucht es vor allem erstmal eines: gegenseitiges Verständnis füreinander und die Einsicht, dass die Arbeitswelt ist wie sie ist, aber nicht so bleiben kann. Und das ist wohl die größte aller Herausforderungen.

Leistungsträger

Das diese Herausforderung längst nicht so riesig ist, wie sie landläufig immer dargestellt wird, beweist der dänische Pharmariese Novo Nordisk, der weltweit ganz vorn dabei ist wenn es um die Behandlung von Diabetes geht. Mit 32.000 Mitarbeitern in 74 Ländern im Jahr 2011 und 6,42 Mrd. EUR Umsatz im Jahr 2008 ist das Unternehmen ein echtes Schwergewicht. Novo Nordisk ist Dänemarks größtes Unternehmen, fast doppelt so groß wie der Logistikgigant A. P. Møller-Mærsk.
Fragt man einen Dänen nach dem idealen Arbeitgeber ist es sehr wahrscheinlich, dass er beginnt von Novo Nordisk zu erzählen. Manch einer tut das sogar dann, wenn er wegen fehlender Qualifikationen niemals auch nur den Hauch einer Chance hätte, von Novo Nordisk zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.

Aber woraus speist sich dieses sagenhafte Image des Pharmakonzerns, der branchen- und vorurteilsbedingt von Haus aus im Verdacht der Profitmaximierung mit allen Mitteln steht?
Die Antwort ist recht einfach. Es hat etwas mit der Unternehmenskultur zu tun, mit der Corporate Social Responsibility (CSR), was auf deutsch nichts weiter bedeutet als unternehmerische Gesellschaftsverantwortung. Und es hat etwas damit zu tun, dass CSR für die Chefs von Novo Nordisk kein Feigenblatt ist um lediglich das Image ein wenig aufzupolieren. Diese Chefs meinen es ernst.

Was? Schon Feierabend?

Der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Novo Nordisk, Mads Øvlisen, fordert deshalb von Führungskräften, dass diese neben ihrem Hirn auch das Herz mit an die Arbeit nehmen. In seinem im November 2011 in Dänemark erschienenen Buch „Heartcore – Tanker om ledelse“ (Heartcore – Gedanken über Führung) beschreibt er auf 189 Seiten die Gedanken und Strategien, auf denen der Erfolg des Unternehmens aufbaut. Als grundsätzliches Fundament führt er den ökonomischen, ökologischen und sozialen Dreiklang an – weil für ihn „menschliche Werte und Haltungen, kurz Anstand, genau so wichtig sind, wie die ökonomischen Resultate des Unternehmens“.

Das Ergebnis ist eine Gewinnerkultur, die das Engagement der Menschen im Unternehmen für das Unternehmen fördert. Diese Kultur sorgt dafür, dass das Wissen, die Ideen und die Passion für permanente Erneuerung langfristig die Konkurrenzfähigkeit auf dem globalen Markt steigert. Neue Stellen werden, wenn das möglich ist, aus der Belegschaft heraus rekrutiert. Augenhöhe und das Vertrauen der Chefs in die Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten der Mitarbeiter, bewirkt bei den Angestellten vor allem Schaffensdrang und Spaß an ihrer Arbeit. Diese Kultur schafft das Bewusstsein von Verantwortlichkeit und die Grundlage zu diesem außergewöhnlichen Weg zum Erfolg.

Die Mitarbeiter bei Novo Nordisk machen ihre Arbeit nicht, weil es ihre Pflicht ist oder weil sie das Einkommen brauchen. Sie kommen auf Arbeit, weil sie überzeugt sind, dass es fantastisch ist diese Möglichkeit zu haben. Diese Angestellten geben alles. Die Lust und den Willen der Mitarbeiter ihren Job so gut wie möglich zu machen fördern die Chefs ganz bewusst, in dem sie daran erinnern, weshalb das Unternehmen macht was es macht, wohin es in Zukunft gehen soll und woher das Unternehmen kommt.

Aber Mads Øvlisen ist Unternehmer und somit Chef genug, um nicht unmittelbar an das Konzept der weichen Werte zu glauben:

Wenn man ein Unternehmen auf der Basis von Werten führt, müssen diese genauso messerscharf definiert sein wie jeder Haushalts- und Projektplan. Deshalb müssen die Werte auch konsequent als ein ganz gewöhnlicher Teil des Alltags gehandhabt werden, in dem das Verhalten der Führungskräfte und Mitarbeiter gemessen und beurteilt werden kann.

Hvis man skal drive virksomhed på basis af værdier, skal de være lige så knivskarpt defineret som ethvert budgetmål og enhver projektplan. Derfor skal værdierne også håndhæves konsekvent som en helt almindelig del af hverdagen, hvor ledere og medarbejderes adfærd kan måles og vurderes.

Bei so viel smarter unternehmerischer Philanthropie fehlt eigentlich nur noch eine Frage. Was sagen die Aktionäre dazu? Nicht viel. Ähnlich wie bei der deutschen Robert Bosch GmbH hält eine gemeinnützige Stiftung die Mehrheit am Unternehmen. So diktieren nicht Shareholder, Familienpatriarchen oder irgendwelche „Manager“ die beiden Konzerne, sondern Leute, die sich damit auskennen. Das gibt den Mitarbeitern Sicherheit und zeigt ihnen genau, wo sie, ihre Chefs und das Unternehmen stehen. Wegen dieser Kultur wurde bei Bosch fast nebenbei das ESP (Elektronisches Stabilitätsprogramm) für unsere Autos erfunden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Klar, nicht jedes Unternehmen muss und kann sich durch so eine Stiftung von den Marktmechanismen befreien, wie die zwei schönen Riesen. Wenn aber ein paar Chefs die Bedeutung der unternehmerischen Gesellschaftsverantwortung erkennen und ihre Mitarbeiter nicht mehr als Kostenfaktor betrachten, sondern als eine wertvolle Investition, die sich bei richtiger Pflege mehr als nur bezahlt macht, dann werden sie auch ganz schnell merken, dass sich ihre Unternehmen nicht im luftleeren Raum befinden, sondern inmitten einer Welt voller Probleme und Möglichkeiten.

Genau diese Welt sucht händeringend neue Chefs.

Quellen:

– Novo Homepage: Novo Nordisk (eng)
– Wikipedia: Mads Øvlisen
– Gyldendal: „Heartcore – Tanker om ledelse“ (dan)
– Wikipedia: Corporate Social Responsibility (deu)
– Ingenøren: Novo Nordisks tidligere topchef: Ledere skal have hjertet med (dan)
– Wikipedia: Novo Nordisk Stiftung (deu)
– Wikipedia: Novo Nordisk (deu)
– Wikipedia: Novo Nordisk (dan)
– Wikipedia: Robert Bosch Stiftung (deu)
– brand eins: Die Ideenmaschine Ein Werksbesuch bei Bosch. (deu)

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