Roboter haben höchste Priorität

Wenn du ein Cyberpunk bist, hast du vermutlich schon lange damit gerechnet, dass dieser Satz bald gesagt werden wird. “Roboter haben höchste Priorität”. Das klingt ganz wie die Einleitung zu einer finsteren Dystopie, in der Maschinen die Welt übernehmen, den Menschen unterdrücken und auch sonst allerlei Unfug treiben, weil Maschinen ja schon seit jeher die Weltherrschaft an sich reißen wollen.

Aber das Zitat ist aus keinem Science-Fiction-Film. Es ist die recht aktuelle Ansage des Chefs des derzeit “schwersten” Konzerns an der japanischen Börse. Seiuemon Inaba heißt der 85 Jahre alte Mann, der nicht mehr sehr viel Zukunft hat, Fanuc der Konzern, den er in die Zukunft führt.

Bevor du weiter liest, sei so gut und schau dir ruhig mal diesen Werbefilm von Fanuc an. Keine Angst, du musst deren Roboter nicht kaufen, die kannst du auch zu nichts benutzen, weil es nur doofe Spezialisten sind. Die Werbung ist dennoch sehr gut gemacht und auch wenn du nicht technisch interessiert bist spannend. Sie zeigt nämlich wer vielleicht schon morgen deinen Job machen könnte.

Bist du ein Optimist, bleibt dir bei derartig präziser Arbeitsfreude vermutlich der Mund offen stehen und du schaust dir den Spot noch drei Mal an. Bist du ein Pessimist, fühlst du dich bestätigt und malst dir in den buntesten Farben den Untergang aus. “Na klar”, wirst du denken und wirfst nochmal ne Kohle nach, “demnächst stellen sich die Dinger auch noch selber her”.
Dir kann geholfen werden, denn das tun sie schon. Die Automaten bauen sich selbst zusammen und noch in diesem Jahr baut Fanuc eine neue Fabrik. Dort wird dann dank der mangelnden Arbeitskräfte die Produktion von 2.000 auf 5.000 Roboter erhöht. Und zwar monatlich. Sicherlich musst du kein Ökonom sein um zu begreifen was das heißt und du ahnst bereits:

Die machen schon morgen deinen Job und nichts in der Welt wird das verhindern können.

Die Krise, die für uns im Westen fast keine Auswirkungen hat, weil der Westen die Konsequenzen an die dritte Welt outgesourct hat, wird diese Entwicklung nicht verhindern sondern beschleunigen. Fanuc verdient allein mit seinen Robotern bereits 19% des Konzernumsatzes (214 Milliarden Yen), Tendenz steigend.

Weil Krisen für viele Unternehmen immer auch Chancen beinhalten, wären die Unternehmer dumm, wenn sie diese nicht nutzen würden. Sie können sich viel leichter und mit guten Grund von Mitarbeitern trennen und gut in neue Maschinen und Anlagen investieren, weil die in kriselnden Zeiten billiger sind. Am Ende, wenn die Krise überstanden ist, stellen sie mit besseren Maschinen und weniger Personal viel mehr her als vor der Krise. Auch wenn es dir nicht passt, aber die Krise ist eine Freundin des Fortschritts. Darüber spricht nur keiner.

Bevor du dich aufregst; das ist normal. Wärest du ein Unternehmer, würdest du genau so handeln. Es geht nämlich gar nicht anders. Erstens liegt es in unserer Natur die Dinge besser und einfacher zu machen – ein fauler Mensch weiß wovon ich spreche – und zweitens wollen wir besser sein als die Konkurrenz und möglichst vorne mitmischen, weil man hinten nur Staub schluckt und Ärsche sieht.

Die Mechanismen sind nicht die schlechtesten, wenn du dir die Sache aus der Perspektive des Fortschritts anschaust. Nur deshalb sind wir Menschen, im Guten wie im Schlechten, da wo wir heute sind. Andernfalls würden wir vermutlich noch immer in der Höhle leben, mit dem Lendenschurz ums Feuer tanzen und mit Fackeln Elefanten und Bisons irgendeinen Abgrund runterschubsen.

Die Menschheit kann nur vorwärts, nicht zurück. Zurück ist unmöglich und zum Glück auch nicht erstrebenswert. “Toll”, denkst du jetzt, “dann geh schon mal vor, denn wenn der Roboter meine Arbeit macht, bin ich so lange mit Überleben beschäftigt.”
Wahrlich – ein Dilemma. Aber keines was sich nicht lösen ließe. Denn in diesem Moment hat die Rationalisierung etwas geschafft, was dir, wenn dein Berufsleben bisher ähnlich stressig war wie meins, immer gefehlt hat.

Zeit.

Ein arbeitsloser Mensch weiß wovon ich spreche. Wenn du Zeit hast, hast du zwei Möglichkeiten.

1. du schlägst sie tot, zum Beispiel mit einem Kasten Bier.
2. du schläfst dich aus und denkst, zum Beispiel “wo krieg ich denn jetzt Kohle her?”.

Zu bewerben brauchst du dich nicht, du hast keine Chance. So billig, gut und ausdauernd wie dein neuer Klassenfeind, der Roboter, kannst du es nicht. Beginnt ab hier die Dystopie? Vielleicht.

Hättest du ein bedingungsloses Grundeinkommen, nicht. Du müsstest keine Omas überfallen und hättest dennoch ein Dach über den Kopf, etwas zu Essen im Schrank und hin und wieder mal ne neue Hose. Und du hättest schon wieder Zeit. Sag mir wenn ich falsch liege, aber spätestens jetzt würdest du doch darüber nachdenken, was du in deinem Leben – außer Zeit – noch gerne hättest. Oder etwa nicht?

Die Folgen sind nicht abzuschätzen. Kreativität an allen Orten, Hilfe für alles und jeden, blühende Wissenschaften, kultureller und technologischer Fortschritt – kurz, eine neues Zeitalter der Lichter.

Freiheit.

Der Optimist freut sich und ruft “Utopia, lass die Zugbrücker runter!”, der Pessimist wirft ein, dass der Planet dann wohl schneller krachen geht, als die Roboter mit dem Bau von sich selbst nachkommen und den Konsummüll wegräumen können. “Denk doch mal an die Ressourcen!”.

Stimmt. Aber nur, wenn der ökonomische Sachverstand weiterhin den Menschen ignoriert und die Umwelt ausbeutet.

Denn auch das ginge anders. Auch hier gibt es kein unlösbares Dilemma. Nur diejenigen beschwören die aktuelle und völlig veraltete Wirtschaftspolitik als “alternativlos”, die ihre Geschäftsgrundlage – in der Politik wohl eher die Nebeneinkünfte und außerpolitische Karriere – auf der Alternativlosigkeit aufgebaut haben.
Diesen Leuten darfst du, ob Optimist oder Pessimist, einfach nicht mehr zuhören. Diese Leute sollten wir endlich – der politisch Verzweifelte versteht meinen Wunsch – von ihren Posten befreien.

Aber ja, die Frage nach dem Müll- und Ressourcenproblem ist noch immer offen. Cradle to cradle ist hier ein Stichwort. Ökoeffektivität ein Synonym. Dem Roboter ist es nämlich egal, ob er giftigen Scheiß produziert oder Produkte, die du kompostieren kannst oder deren Bestandteile, zum Beispiel von einem Roboter, wieder recycelt werden können. Ein Roboter macht das eine wie das andere mit der gleichen Arbeitsfreude. Fanuc kann sie bauen und wird das auch tun.

Und jetzt lehn dich zurück und stell dir einfach mal vor….

Alle Produkte die du kaufen kannst, zerfallen an ihrem “Lebensende” zu Nährstoffen oder sind so konzipiert, dass sie zu 100% wiederverwendet werden können. Alles was von Maschinen gemacht werden kann, wird von Maschinen gemacht werden. Du hast ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Zukunft.

Vielleicht hat Seiuemon Inaba, der alte Mann, doch noch eine Zukunft. Eine Zukunft, wie sie Henry Ford, der mit seiner “Erfindung” der Fließbandarbeit der Massenproduktion von komplizierten Produkten zum Durchbruch verhalf, heute hat. Denn erst die Roboter werden uns die Basis schaffen für den nächsten Schritt in unserer kulturellen Evolution als globale Spezies.

So gesehen haben Roboter die höchste Priorität.

Links:

- Was zum Teufel ist ein Cyberpunk?
- japanmarkt.de: “Fanuc gibt bei Robotern Vollgas”
- Seiuemon Inaba und FANUC: Noch nicht sehr bekannt bei uns. Aber bald.
- Bedingungsloses Grundeinkommen: Achtung! Macht frei!
- brand eins Autor Wolf Lotter: “Das Zeitalter der Lichter”
- Cradle to cradle: Eine industrielle Revolution mit Konsum ohne schechten Gewissen
- Henry Ford: Antisemitist und Innovator

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